Do, 08/06/17 Bar: POP & THEORIE – NEUE UNMITTELBARKEITEN

UMWELTEN

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IN DER BAR AB 19:15 UHR

mit
Diedrich Diederichsen & Sonja Eismann

Pop und Theorie: Neue Unmittelbarkeiten?

In den akademischen Pop-Diskursen zeichnet sich in den letzten Jahren eine prägnante Verschiebung ab: Das etablierte Verfahren des Stöberns in den Archiven, dem es um pophistorische Linien und Genealogien geht, um die Entschlüsselung versteckter Referenzen und Codes, weicht zunehmend handfesten, ja handwerklichen Verfahren. Der britische Kulturwissenschaftler Will Brooker nähert sich David Bowie durch Mimikry und ahmt im Rahmen einer einjährigen Autoethnografie seine Looks, Posen und Gewohnheiten nach; Der Amerikanist Mark Greif lernt mit Mitte Dreißig rappen, um sich den Hip Hop abseits seiner Indie-Vergangenheit zu erschließen; David Beer macht Punk als Methode soziologischen Schreibens stark.
Was diese Zugänge eint, ist ihre verstärkt körperliche, intuitive und tastende Herangehensweise, die sich vom theoriegesättigten Kennergestus des Popintellektuellen unterscheidet. Gerade im deutschsprachigen Raum etablierte sich in den späten 1980er Jahren ein von Zeitschriften wie Spex und Sounds geprägter Popdiskurs, der sich stark auf theoretische Texte bezog und – insbesondere von poststrukturalistischen Theoriefiguren inspiriert – die Pop-Haltung auch in eine politische Haltung übersetzte. Die authentizitätskritische Pop-Linke zeichnete sich durch ihre Skepsis gegen jede ‚falsche Unmittelbarkeit‘ aus, die in verästelten, eklektischen und andeutungsreichen Texten zum Ausdruck kam.
Wir möchten den poplinken und den autoethnografischen Strang zum Ausgangspunkt machen, um das Verhältnis von Pop und Theorie neu zu diskutieren. In welcher Weise kann Pop nicht nur zum Gegenstand, sondern auch zur Methode des Theoretisierens werden? Was lässt sich ausgehend von Pop-Kennzeichen wie ‚DIY-Verfahren‘, ‚Geheimcode-Charakter‘, ‚Pose‘ oder ‚Grenzüberschreitung‘ für die Theoriebildung lernen? Was ermöglichen die heutigen, stärker erfahrungsbasierten und subjektiven Theoretisierungen von Pop? Welche Grenzen und Probleme werden bei einer unreflektierten Übersetzung von Gegenstand und Methode sichtbar? Andersherum möchten wir die Frage nach dem Pop-Appeal von Theorie neu stellen. Im Zuge der Theoriebegeisterung der 1980er Jahre entdeckte man – u.a. durch die Buchgestaltung von Verlagen wie Merve und Suhrkamp –, dass theoretische Texte in ihrer Faszinationskraft, in ihrem Sound und ihren Verweissystemen bisweilen ähnlich funktionieren wie Pop. Diesen Charakter scheinen zumindest poststrukturalistische und Kritische Theorie aber weitgehend verloren zu haben. Gerade heutige Versuche, mit den gleichen großen Gesten der 1980er Jahre anzusetzen, wirken seltsam antiquiert. Im Schreiben über Pop hat die damit verbundene Politisierung zudem häufig dazu geführt, Widersprüche im Pop-Material einzuebnen, etwa indem ganze Gattungen vorschnell als emanzipativ oder regressiv klassifiziert wurden. Wie lässt sich eine Überschätzung von Theorie für Pop-Phänomene vermeiden? Und welche Herausforderungen ergeben sich für das Verhältnis von Pop und Theorie aus der mittlerweile vollzogenen Historisierung und Kanonisierung des Popdiskurses – etwa dort wo der Topos der Grenzüberschreitung längst zur Anforderung an akademische und künstlerische Arbeiten geworden ist? Zeigen autoethnographische Zugänge hier eine theorierelevante Alternative auf oder manifestiert sich in ihnen eine „neue Einfachheit“, der eher skeptisch zu begegnen ist?